Bildungsbrei aufmischen

„Bildungsreform“, „Bildungsgipfel“ und „Bildungsgesellschaft“ sind nur einige Schlagwörter, die uns im beginnenden 21.Jahrhunderts regelmäßig begegnen. Dass ersteres nie ernsthaft in Angriff genommen wird, zweitere kontinuierlich scheitern, letzteres unter diesen Umständen nie existieren kann und eine grundsätzliche Diskussion über den Begriff der Bildung ausgespart wird, ist dabei eher nachrangig. Doch die Bedeutung des Themas verbietet einen von Worthülsen dominierten Diskurs, der auch noch ohne die betroffenen Menschen, d.h. vor allem ohne Schüler_innen, Auszubildende, Studierende und Lehrende, geführt wird.

Darum möchten wir hier unsere Vorstellungen von Bildung skizzieren. Als Ausgangspunkt dient uns an dieser Stelle das oft formulierte Ziel der selbstbestimmten Befreiung des Indivduums, d.h. Emanzipation, sowie Erlangung von Mündigkeit. Dorthin gelangen wir über eine freie und allgemeine Bildung. Die Freiheit der Bildung muss vor allem in der Freiheit des Individuums bestehen, darüber zu entscheiden, was es wann in welcher Art und Weise lernen möchte. Gehen wir davon aus, dass meine Freiheit dort endet, wo die eines anderen Menschen beginnt, so fasst die Forderung nach freier Bildung weiterführende Prämissen in sich, so z.B. einen solidarischen Grundkonsens, der ebenso antisexistische wie antifaschistische, antimilitaristisch und andere humanistische Ausrichtungen umfassen muss. Eine freie Bildung bedeutet in diesem Fall auch, dass der Mensch sich entwickeln kann, ohne ein Korsett aus Hierarchien und Zwängen, dafür in einem gleichberechtigten und unabhängigen Miteinander. Daran anschließend richtet sich die Allgemeinheit der Bildung aus, wobei “allgemein” mehrdeutig zu betrachten ist. Ganz oben sollte stehen, dass alle das Recht auf Bildung und einen freien Bildungszugang genießen, unabhängig ihres Geschlechts, ihrer Herkunft bzw. jeglicher Merkmale, durch welche wir in diesem Gesellschaftssystem kategorisiert und bewertet werden. Zudem ist mit allgemeiner auch eine allseitige Bildung gemeint, bei der kein Lebens- oder Themenbereich ausgeschlossen bleibt und sich Individuen entsprechend ihrer Interessen mit der Welt auseinandersetzen können. Die hier genannten Eigenschaften, welche eine freie und allgemeine Bildung unserer Meinung nach ausmachen, sind – obgleich sie nur einen Abriss darstellen – im Zusammenhang zu betrachten, denn nur so können selbstbestimmte Individuen, die Garant_innen für eine bessere Welt sind, darin auf- und daraus hervorgehen.

Leider ist die Realität sehr weit entfernt von unseren Vorstellungen, weit entfernt von Chancengleichheit und Selbstbestimmung, weit davon entfernt, selbstbewussten, sozial kompetenten und kritisch denkenden Menschen Platz und Unterstützung einzuräumen. Egal ob mensch in die Grundschule, Oberschule, Berufsschule, gymnasiale Oberstufe oder an die Hochschule geht, jede_r muss sich in das bestehende Bildungssystem eingliedern, sich notgedrungen verbiegen, will sie oder er die Schulzeit ungeschoren überstehen. Spätestens in der Schule wird begonnen, junge Menschen in das bestehende System einzufügen. Ihnen wird eingebläut, wie sie zu funktionieren haben, um im späteren Berufsleben bestehen zu können. D.h. sich den von oben veranschlagten Normen anzupassen, konkurrenzfähig zu sein und Leistungsdruck standhalten zu können. Schüler_innen, die das nicht erfüllen können oder wollen, werden durch schlechte (Kopf-)Noten, Strafarbeiten und Sitzenbleiben, also mit noch mehr Druck sanktioniert. So als schlechte, weil nicht reibungslos verwertbare Menschen gebrandmarkt sehen sich viele Schüler_innen Mechanismen des sozialen Ausschlusses gegenüber.

Die Einteilung in Gewinner_innen und Verlierer_innen der Gesellschaft beginnt dabei schon sehr früh, spätestens jedoch mit dem Ende der Primarstufe im Regelschulsystem. Die subjektive Bewertung von Lehrer_innen und der Geldbeutel der Eltern entscheiden über den Lebensweg von Kindern, wobei jene aus Akademiker_innenfamilien bewiesenermaßen große Vorteile genießen. Wenn alles klappt, werden sie auch schon für eine Schnellläufer_innenklasse vorgeschlagen und der Weg zur gesellschaftlichen Elite ist ihnen sicher.

Im deutschen Bildungssystem sind die Zukunftschancen sehr viel stärker abhängig von der sozialen Herkunft, als in vielen anderen Industrieländern der Welt. Lernende mit Migrationshintergrund haben dabei die schlechtesten Karten. Die (mindestens) Zweiklassengesellschaft zeigt sich hier schon in der Schule und nimmt damit der Mehrzahl der Schüler_innen die Chance auf Selbstbestimmung. Der ökonomische Faktor spielt hier eine immer größere Rolle. Seien es Kosten für Schulbücher, Klassenfahrten, Nachhilfeunterricht oder später für Lehre und Studium, stets bedeutet mehr Geld auch einen besseren Zugang zu Bildung und Teilhabe. Das nicht zuletzt weil der Staat sich aus seiner Pflicht zurückzieht und die nötigen finanziellen Mittel, um allen das gleiche Recht auf Bildung zu gewähren, nicht bereitstellt.

In überfüllten Klassen, baufälligen Schulgebäuden und unter beständigem Lehrer_innenmangel wird Schüler_innen der Stoff im 45-Minuten-Takt eingehämmert – denn Pauken statt selber Denken erzeugt schnell verwertbares Humankapital. Dabei helfen auch Schulzeitverkürzungen durch Turbo-Abi und Bachelor-Master. Mitbestimmung ist dabei nicht gefragt und machtlose Schüler_innenvertretungen werden alibibeteiligt und zu Legitimationszwecken eingesetzt.

All das vollzieht sich in den subtil gestrickten Strukturen des Kapitalismus und wird von diesem gelenkt. Die Bildungseinrichtungen verkommen zu Lernfabriken und sind auf die Reproduktion bereits bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse ausgerichtet. An erster Stelle stehen Effizienz und Profit. Neben Kapitalanhäufungen wird das Grundrecht auf Selbstentfaltung wertlos.

Wir müssen die Ideale freier und allgemeiner Bildung hochhalten und umsetzen Dafür wollen wir mit deiner Stimme aktiv werden.