Neue Lehre(r_innen) braucht das Land!

Schulentwicklung

Die Deutsche Schullandschaft braucht eine Qualitätssteigerung. Sie muss sich weiterentwickeln, da wir mit dem derzeitigen Stand schulischer Bildungs- und Erziehungsarbeit nicht zufrieden sein können. PISA, TIMS und insbesondere Civic Education zu Demokratieerziehung haben diese Erkenntnis in die Breite getragen. Insbesondere Schüler_innenvertreter_innen haben es schon lange zuvor auf ihre Fahnen geschrieben. Diese Erkenntnis muss auch Auswirkungen auf die Ausbildung von Lehrer_innen haben, denn ihre Fähigkeiten sind eine der wichtigsten Stellschrauben der Schulqualität. In den letzten 7 Jahren hat Schulentwicklung in Deutschland einen gewaltigen Sprung gemacht. Mit dem PISA-Schock, „Demokratie lernen und Leben“ und „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ und diversen landesweiten Programmen und Veränderungen ist vieles auf den Weg gekommen, das noch verstärkt weitergeführt werden muss. Eine notwendige Forderung für die Lehrer_innenbildung wird schon hier deutlich:

  • Lehrer_innenbildung darf nicht mehr auf die Schule von gestern vorbereiten, auch nicht auf die Regelschule von heute, sondern sie muss auf die Schule von morgen vorbereiten.

Diese Schule von morgen ist im laufenden Prozess schwer zu umschreiben, aber einige Merkmale dieser Schule stehen als Konsens der Parteien fest oder lassen sich aus den aktuellen Entwicklungen in den Schulen als deutliche Tendenzen beobachten. Ganztagsschule, Individualisierung des Lernen, Öffnung des 45-Minuten-Taktes sind drei dieser Merkmale.

Berufsorientierung

Viele Studierende beginnen ihr Lehramtsstudium mit wagen und oftmals falschen Vorstellung von dem, was dieser Beruf bedeutet. Der Lehrer_innenberuf sei ein gut mit der Familie vereinbarer Halbtagsjob, in dem mensch außer unterrichten nichts zu tun hat. Dies oder ähnliches hört mensch oft von Studienanfänger_innen. Im Laufe des Studiums gelingt es zwar den meisten diese falschen Bilder abzulegen, aber die Idealsituation wäre, dass niemand ein Studium oder eine Ausbildung beginnt, ohne zu wissen worauf er_sie sich einlässt.

  • Dafür bedarf es einer Stärkung der Berufsorientierung insbesondere an Gymnasien – die hier gegenüber anderen Schulen meist weit im Rückstand liegen.

Bis dies flächendeckend der Fall ist, sollte die Universität hier die Verantwortung übernehmen. Wir fordern daher:

  • Eine Einführungswoche mit Blick in die Berufspraxis für Lehramtsstudierende inklusive der Möglichkeit zur nachteilslosen Exmatrikulation oder Umschreibung in einen anderen Studiengang!


Professionskompetenzen bereits im Studium!

Eine gute Lehrkraft braucht mehr als nur Fachwissen und pädagogisches Theoriewissen. In der Praxis vor den Gruppen bedarf es kommunikativer, sozialer, pädagogischer, personaler und methodischer Kompetenzen. Hier lässt sich nicht nachlesen, wie in welcher Situation zu handeln ist. Lehramtsstudierende sollten daher möglichst früh bereits an diesen Kompetenzen arbeiten, damit diese spätestens zum Berufseinstieg verinnerlicht worden sind. Auch ist das notwendige Kompetenzspektrum von Lehrkräften größer als Didaktik und Fachwissenschaft. Eine Lehrkraft sollte in der Lage sein, sich in Schulentwicklungsprozesse kompetent einbringen zu können, muss auch in der Elternarbeit und Teamarbeit mit Kolleginn_en kompetent sein und benötigt sozialpädagogische Fähigkeiten wie Konfliktmanagement, Aktives Zuhören und co. Letztere werden in Studiengängen der Sozialen Arbeit vermittelt. Absolventen dieser Studiengänge werden in den Schulen von morgen zu den pädagogischen Teams der Schulen gehören. Bereits heute gehören Schulsozialpädagoginn_en an vielen Schulen zum Personalstab. Leider muss man heute diagnostizieren, dass die Kooperation hier stark von Vorurteilen gegenüber der jeweils anderen Profession geprägt ist. Zudem fordern die Schulgesetze aller Bundesländer neben den fachbezogenen Kompetenzen die Vermittlung von fachübergreifenden Kompetenzen von den Lehrkräften – gemeint sind zum Beispiel Medien- und Demokratiekompetenzen, antirassistische Bildung oder auch die Gleichberechtigung der Geschlechter. Dieses Feld geht im Studium zwischen Fachdidaktik, Fachwissenschaft und Erziehungswissenschaft völlig unter. Ausgehend von diesen Überlegungen fordern wir:

  • Ein stärker professionsbezogenes Lehramtsstudium.
  • Eine Ausweitung der erziehungswissenschaftlichen Studieninhalte auf ein Drittel des gesamten Studiums in allen Lehramtsstudiengängen.
  • Eine Korrektur des Studiums vom Wissenserwerb in Richtung Kompetenzerwerb.
  • Die Aufstockung der Sprecherziehung von null auf einen Leistungspunkt (solange es diese noch gibt).
  • Eine Einbindung von Seminaren aus Studiengängen der Sozialen Arbeit in das Lehramtsstudium, um den Erwerb pädagogischer Kompetenzen zu befördern und die professionsbezogenen Vorurteile abzubauen.
  • Einführung von Seminaren die persönlichkeits- und kompetenzbildend sind, neben den theoretischen Lehrveranstaltungen.
  • Eine Einführung von Lehrveranstaltungen die speziell professionsbezogene Kompetenzen, wie beispielsweise Schulentwicklung, Schulrecht, Konfliktmanagement und Rhetorik vermitteln, sowie Veranstaltungen zu den fächerübergreifenden Bildungszielen der Schule, wie Demokratieerziehung, Gender, Antirassismus, Teamarbeit und co.
  • Die Einführung von „Erarbeitung eines didaktischen Konzepts“ als Möglichkeit der Leistungserbringung für Lehramtsstudierende in allen Modulen.

Mehr Praxis im Studium!

Eine realistische Einschätzung des Lehrberufs und der eigenen Fähigkeiten kann nur in der Praxis der Schule und des Leitens von Gruppen stattfinden. Auch kann das theoretische Wissen, das Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft Lehramtsstudierenden vermitteln, erst durch die Verknüpfung mit praktischen Erfahrungen sinnvoll aufgenommen werden. Die Universität Potsdam rühmt sich eines besonders praxisbezogenen Lehramtsstudiums. Leider ist dies in der Realität an vielen Stellen nur eingeschränkt korrekt. Das Praxissemester ist bei gleichzeitiger Verkürzung des Referendariats zwar als sinnvolle frühere Praxisphase zu betrachten, zugleich aber auch als Sparmaßnahme, da die Studierenden nun unvergütet zuvor im Referendariat vergütete Unterrichtsverpflichtungen übernehmen. Das Praktikum im außerunterrichtlichen Handlungsfeld ist zwar eine hervorragende Einrichtung, aber bei einem Leistungspunkt auf ein 30-stündiges Praktikum ist eine notwendige Reflektion des Praktikums ausgeschlossen. Insgesamt hat ein Student zu seinem Bachelorabschluss erst etwa vier bis acht Unterrichtsstunden erteilt – Schwankungen je nach Fächerkombination. Diese Zahl ist ein Witz, der mit Praxiserfahrung wenig zu tun hat. Es handelt sich um zwei bis drei kurze Besuche in Schulklassen, die weder ein Gefühl für die Entwicklung von pädagogischen Beziehungen noch ein Gespür für die Unterschiedlichkeit von Schulklassen ermöglichen. Wir fordern daher:

  • Eine erhöhte Stundenzahl in den fachdidaktischen Praktika und die Ergänzung von Stunden, die in Team-Teaching mit Lehrer_innen gegeben werden, um einen geschützten Einstieg an der Seite Berufserfahrener zu ermöglichen und die Studierenden von Anfang auf die Teamarbeit im Beruf vorzubereiten.
  • Die Aufstockung des Praktikums im außerunterrichtlichen Handlungsfeld durch eine angemessene Reflektion auf zwei Leistungspunkte (solange es diese noch gibt).
  • Eine Vergütung für die im Praxissemester geleisteten Unterrichtsstunden.
  • Die Kooperation der Uni mit Träger_innen außerschulischer Bildungsarbeit, um den Lehramtsstudierenden das frühe Sammeln von Gruppenleitungserfahrungen und –Qualifikationen zu ermöglichen.

Organisation des Lehramtsstudiums!

Lehramtsstudierende studieren grundsätzlich mindestens drei Studienfächer. Viele Lehramtsfächer – wie Politische Bildung oder Lebenskunde Ethik Religion – sind zu dem quer zu den universitären Fächern angelegt. Lehramtsstudierende sind also in besonderem Maße auf eine gute Abstimmung der Fakultäten für ihr Studium angewiesen. Von parallelen Pflichtveranstaltungen, Komplikationen durch Fahrtwege und Mangelabsprachen zwischen den Fakultäten sind sie in besonderem Maße betroffen. Zudem erscheint uns die Absprache zwischen dem erziehungswissenschaftlichem Teilstudiengang und den Fachdidaktiken mangelhaft. Dopplungen von Lerninhalten sind hier die Regel, nicht die Ausnahme. Hier wird Zeit verloren den ohnehin die zu geringen didaktischen und pädagogischen Studieninhalt zu vertiefen. In einem modularisierten und dadurch angeblich aufeinander aufbauenden Studium sollte dies nicht der Fall sein. Festzuhalten ist auch, dass es an der Universität Potsdam bisher keine übergeordnete mit organisatorischen Befugnissen ausgestattete Institution für die Lehramtsstudiengänge gibt. Die derzeitigen Planungen das Zentrum für Lehrerbildung in diese Rolle zu bringen, gehen hier in die richtige Richtung. Sie sind jedoch nicht weitgehend genug. Wir fordern daher:

  • Die zentrale strukturelle Verankerung des Lehramtsstudiums in einer übergeordneten Organisationseinheit.
  • Diese kann das Zentrum für Lehrerbildung sein, sofern die demokratische/paritätische Beteiligung der Lehramtsfachschaft und anderen beteiligten Statusgruppen gewährleistet wird.
  • Die Einsetzung eines entscheidungsbefugten Gremiums unter Beteiligung der Statusgruppen der Uni, der Akteure der zweiten Phase der Lehrer_innenausbildung, der Bildungsverwaltung, der Lehrer_innen und der Schüler_innen zur Planung der Lehrer_innenbildung mit Bezug zur Praxis.
  • Die Entfernung möglichst aller Dopplungen von Studieninhalten zwischen den Fachdidaktiken und der allgemeinen Didaktik.
  • Die verbreitetere Einführung von speziellen Lehrveranstaltungen für fachfremde Studierende und speziellen Lehrveranstaltungen für Lehramtsstudierende in den Fachwissenschaften, die sich inhaltlich auch an den Themen der Rahmenlehrplänen orientieren.